Klimatisch Bewegt


Genug von grünen Lügen

Der bekannte Dokumentar- Filmemacher Werner Boote über „The Green Lie“

werner-boote.jpg

Foto: Nina Goldnagl

Dokumentar-Filmemacher Werner Boote: „Nachhaltigkeit heißt für mich gar nichts. Es ist ein Gummiwort, das jeder auf seine Art verwendet.“

Die Macht der Konzerne muss ein Ende nehmen. Ein globales demokratisches Wirtschaftssystem soll in der Öffentlichkeit diskutiert und entworfen werden. Diese Forderungen erhebt Regisseur und Autor Werner Boote in seinem Dokumentarfilm „The Green Lie“.

Wie beurteilen Sie das Echo auf Ihren Dokumentarfilm „The Green Lie“? Hat der Kinostart im März Ihren Erwartungen entsprochen?
Werner Boote:
Das Echo ist überwältigend. Die Weltpremiere fand auf der Berlinale statt und der Film war dort sogar für den Dokumentarfilmpreis nominiert. Für einen Dokumentarfilm ist es außergewöhnlich, dass er es an die Spitze der Kinocharts schafft. „The Green Lie” hält sich in Österreich seit Wochen (Anm.: Stand Anfang Mai 2018) in den Charts! Der Film ist nun auch in den deutschen Kinos gestartet, wo sich bereits auch eine gute Mundpropaganda bemerkbar macht. Schweiz, Frankreich, Litauen, Spanien und USA folgen und das ist schon jetzt fix, obwohl wir erst am Beginn der internationalen Vermarktung stehen. Ich habe den Film auch schon erfolgreich in Dänemark, Italien, England und Mexiko präsentiert. Das große internationale Interesse zeigt, dass die Menschen weltweit von den grünen Lügen der Industrie genug haben.

Wie sind Sie auf das Thema Greenwashing gekommen? Gab es so etwas wie ein Schlüsselerlebnis?
Werner Boote:
Als ich 2010 meinen Film „Plastic Planet“ beim Filmfestival in Berlin präsentierte, kam ein Mann nach der Vorführung zu mir und stellte sich mir als Prädikats- und Siegelhersteller vor. Er sagte: „Herr Boote, möchten Sie nicht Ihren nächsten Film mit dem Prädikat CO2-neutral ausstatten?“ Ich antwortete, dass das kaum möglich sei. Die Herstellung meiner Filme hinterlässt einen gehörigen ökologischen Fußabdruck, ich fliege mit einem Filmteam rund um die Welt. Darauf er: „Kein Problem, Herr Boote. Sie zahlen 3.000 Euro und dann können Sie das Siegel verwenden.“

„‘The Green Lie‘ will Ökoschmähs von Firmen entlarven. Neues lehrt die Doku kaum“, schreibt etwa die Presse. Können Sie dieser Kritik Konstruktives abgewinnen?
Werner Boote:
Als mein Kinofilm „Plastic Planet“ 2009 in die Kinos kam und die Gefahren von Plastik für die Umwelt und unsere Gesundheit aufzählte, fiel die Filmkritik der Tageszeitung „Die Presse“ ähnlich abfällig aus wie jetzt. - Mittlerweile recherchiert und behandelt gerade diese Zeitung die Umweltkatastrophen durch „Plastik“ sehr aufmerksam. Diese Parallelität gibt mir daher Hoffnung, dass die Forderungen meines neuen Films in Zukunft eine breite Öffentlichkeit finden werden und „The Green Lie“ einen wichtigen Beitrag dafür leistet, dass wir uns gegen die grünen Lügen der Konzerne erfolgreich zur Wehr setzen werden.

 

‚The Green Lie‘ ist ein Dokumentarfilm, dem acht Jahre Recherchearbeit zugrunde liegen.

Was können mündige KonsumentInnen heutzutage wirklich tun, um die Greenwashing-Kampagnen eben nicht zu unterstützen? Woran können wir Menschen beim nachhaltigen Konsum denn wirklich noch glauben? Ist denn diesbezüglich alles nur eine Illusion?
Werner Boote:
Die Arbeit am Film „The Green Lie“ hat mich gelehrt, mich nicht mehr als „Konsument“ bezeichnen zu lassen. Denn ein Konsument ist ein Mensch, dessen einzige Aufgabe das Konsumieren sei. Ich verstehe mich als mündiger Bürger. Als solcher trage ich einerseits die Verantwortung für die Mitmenschen und die Umwelt, sollte also bedachtsam Produkte wählen, und andererseits habe ich das Recht zu verlangen, dass Konzerne nur Produkte verkaufen dürfen, die ökologisch und sozial gerecht hergestellt werden.
 

In Ihren bisherigen Filmen belegen Sie Ihre Kernaussagen verstärkt mit wissenschaftlichen Quellen. „The Green Lie“ kommt ohne viele von selbigen aus. Liegt das ausschließlich am Genre Dokumentaressay oder gibt es noch andere Gründe dafür?
Werner Boote:
„The Green Lie” ist ein Dokumentarfilm, dem acht Jahre Recherchearbeit zugrunde liegen. Die bekannte deutsche Buchautorin Kathrin Hartmann und ich haben zusammen mit unserem Rechercheteam jahrelang penibel die grünen Lügen der Konzerne in allen Branchen untersucht. Dabei wurden wir von unzähligen WissenschaftlerInnen, NGOs und JournalistInnen unterstützt. Im Film selbst spielen die wissenschaftlichen Quellen eine untergeordnete Rolle, weil „The Green Lie“ meiner persönlichen Entwicklung – vom Konsumidioten hin zum mündigen Bürger – folgt. Die Reaktionen auf den Film zeigen, dass das Publikum diese Wandlung mit mir miterlebt und vollzieht.


Alle Infos zum Film
finden sich online unter:
www.wernerboote.com

  • spechtenhauser.jpeg
  • werbebanner-pichler.png
  • werbebanner-isocell.jpeg
  • werbebanner-internorm.jpg
  • werbebanner-bestwood-schneider.jpeg
  • werbebanner-boesch.jpg
  • werbebanner-capatect.jpg
  • werbebanner-kl.jpg
Klimatisch Bewegt


„Nachhaltigkeit muss im Grundgesetz verankert sein“

Schauspieler Hannes Jaenicke engagiert sich für den Umweltschutz

hannes-jaenicke-2295marco-justus-scholer.jpg

Foto: © Marco Justus Schöler

(lisi) Hannes Jaenicke ist nicht nur ein bekannter Schauspieler, auch hat er sich in den vergangenen Jahren einen Namen als Umweltaktivist gemacht. Bereits seit 2006 dreht der Schauspieler auch Filme zu Themen wie dem Artensterben, der Umweltzerstörung oder dem Klimawandel. Im Interview mit dem PASSIVhausmagazin spart er nicht mit Kritik – „Nachhaltigkeit“ sollte als Schulfach eingeführt werden, auch sieht er in der Einführung einer CO2-Steuer eine Notwendigkeit. Zur Sprache kommen aber auch die zahlreichen Erfolge, die Hannes Jaenicke durch seine diversen Umweltinitiativen schon erfahren durfte.

Sie sind von Beruf Schauspieler und engagieren sich privat für verschiedene Umweltschutzthemen. Welche Themen sind Ihnen als Umweltaktivist besonders wichtig und warum setzen Sie sich dafür ein?
Hannes Jaenicke: Die wichtigsten Themen in Bezug auf Umweltschutz scheinen mir die Untätigkeit der Politik, die Rücksichtslosigkeit und die Profitgier der Industrie sowie die Bequemlichkeit des Endverbrauchers zu sein. Deshalb drehe ich seit 2006 Dokumentarfilme über Artensterben, Umweltzerstörung und Klimawandel.

Auch sind Sie Autor – mit Ihrem zweiten Buch „Die große Volksverarsche. Wie Industrie und Medien uns zum Narren halten“ führten Sie die Spiegel-Bestsellerliste an und kritisieren darin unter anderem die Pharmaindustrie, auch Banken, Politik und die Medien. Was läuft Ihrer Meinung nach falsch in unserer Gesellschaft?
Hannes Jaenicke:
Die Liste ist zu lang für ein Interview. Die Hauptprobleme sind wie oben angesprochen der Lobbyismus, die Jagd nach Rendite, das Desinteresse seitens der Politik und das von uns Konsumenten.

Warum stehen Sie der Studie des deutschen Umweltministeriums kritisch gegenüber, dass sich Emissionen um ein Drittel verringert haben?
Hannes Jaenicke:
Weil das klassischer Greenwash ist, dank Werner Boote in Österreich 'Die grüne Lüge' genannt. Der CO2-Ausstoß steigt auch in Deutschland nachweislich weiter an, genauso wie weltweit die Meeresspiegel, die Temperaturen und das Artensterben.

Was muss sich in Umweltbelangen aus Ihrer Sicht in den Köpfen der Menschen ändern? Wie kann langfristig gesehen eine Klimaschutzstrategie erfolgreich sein?
Hannes Jaenicke:
Nachhaltigkeit muss im Grundgesetz verankert und in allen Schulen ab der 1. Klasse als Pflichtfach eingeführt werden. Und was wir am dringendsten brauchen, ist eine CO2-Steuer, denn sonst bleibt die vielbeschworene De-Karbonisierung eine leere Phrase.

Für besonderes Aufsehen haben Sie gesorgt, als Sie gemeinsam mit der Deutschen Umwelthilfe eine Petition gestartet haben und Bundeskanzlerin Angela Merkel darin aufgefordert haben, endlich etwas gegen die Vermüllung der Meere zu unternehmen. Was haben Deutschland oder ein Binnenland wie Österreich mit dem Plastikmüll im Meer zu tun?
Hannes Jaenicke:
Der größte Teil unseres Plastikmülls wird nicht recycelt, sondern verbrannt oder unsachgemäß und umweltschädlich entsorgt und landet so irgendwann im Meer. Und solange Mikroplastik, z.B. in Kosmetikprodukten, nicht verboten wird, gelangt es direkt ins Wassersystem und damit automatisch ins Meer.

Sie haben die Unterschriftenliste anschließend der Bundeskanzlerin übergeben und um ein Gespräch gebeten. Was ist dabei herausgekommen?
Hannes Jaenicke:
Absolut nichts. Außer dem tiefschürfenden Satz von Angela Merkel, dass das Plastikproblem ja irgendwann Thema beim G-20-Gipfel sein soll.

Neben dieser Petition gegen eine ozeanische Verschmutzung haben Sie schon zahlreiche Umweltinitiativen durchgeführt. Was waren Ihre persönlich größten Erfolge dabei?
Hannes Jaenicke:
Dass mit Hilfe unserer Doku über Haie, Meeresverschmutzung und Überfischung in zahlreichen Ländern ein Finning-Verbot erlassen wurde. Und dass mehrere Lebensmittel-Ketten seitdem keine Hai-Produkte mehr verkaufen. Ein weiterer Erfolg dürfte gewesen sein, dass der Circus Krone mich wegen meiner Aktivitäten für ein Wildtier-Verbot in Zirkussen verklagt hat. Das zeigt, dass diese Form des „Entertainments“ und der Tierquälerei hoffentlich irgendwann aufhört.

„Der größte Teil unseres Plastikmülls wird unsachgemäß entsorgt und landet irgendwann im Meer. – Nachhaltigkeit muss in allen Schulen ab der 1. Klasse als Pflichtfach eigeführt werden.“

  • werbebanner-sto.jpg
  • werbebanner-viessmann.jpg
  • werbebanner-knauf.jpg
  • werbebanner-josko-center-ibk.png
  • werbebanner-stiebel-eltron.jpg
  • farkalux-werbebanner.jpeg
  • werbebanner-lamilux.jpg
Klimatisch Bewegt


„Die kreative Zerstörung“

Die deutsche Technologie-Unternehmerin und Juristin Yvonne Hofstetter sieht in der Digitalisierung auch negative Entwicklungen

yvonne-hofstetter.jpg

Foto: Heimo Aga

(lisi) Alle reden vom großen Wandel, den die Digitalisierung mit sich bringen wird. Doch, was kommt wirklich auf die Menschheit zu? Die Digitalisierung wird unbestritten unser Leben verändern. Die deutsche Technologie-Unternehmerin und Juristin Yvonne Hofstetter spricht im PASSIVHAUSmagazin darüber, wie unsere Zukunft ausschauen könnte. Weiter noch: Die Expertin warnt davor, dass die Digitalisierung die uns bekannte Welt zerstören könnte.

Frau Hofstetter, Sie sind Juristin und aber auch Mitglied eines Teams aus Technologen, das künstliche Intelligenz nicht nur in den Testumgebungen der Forschungslabore, sondern für den operativen Einsatz in verschiedenen Industrien baut. Inwieweit zollen Sie der „Digitalisierung“ Potenzial und wo sehen Sie negative Entwicklungen?
Yvonne Hofstetter: 
Die Digitalisierung hat den Anspruch der „kreativen Zerstörung“. Ihre Produkte, Services, Geschäftsmodelle und Technologien zerstören das Alte des 20. Jahrhunderts – Geschäftsprozesse und -strukturen, Unternehmensphilosophien, Einsatzdoktrinen. „Das haben wir schon immer so gemacht“, gilt nicht mehr in der digitalen Ära. Nehmen Sie zum Beispiel das Smartphone. Vor elf Jahren hat Apple das erste iPhone verkauft. Seitdem hat sich unsere Gesellschaft entscheidend verändert. Wir kommunizieren anders, daten anders, arbeiten anders als früher. Das ist schön und bedrohlich zugleich, weil wir wissen: Digitale Technologien werden Arbeit automatisieren und Berufsbilder für immer auslöschen. Hinzukommt, dass die weiter zunehmende Vernetzung zum Internet of Everything unsere Gesellschaft noch komplexer und noch schwerer regierbar und noch unsicherer macht. Andererseits eröffnet die Digitalisierung Chancen auf Wirtschaftswachstum, denn wir beuten sozusagen einen neuen Raum aus, quasi den virtuellen Raum.

Auf Ihrer Homepage findet sich folgende Aussage: „Innovation verlangt nicht nur Leidenschaft, sie braucht auch Vernunft.“ In welchen Bereichen wird – aus Ihrer persönlichen Sicht – nicht „vernünftig“ mit technologischen Fortschritten umgegangen?
Yvonne Hofstetter:
  Nehmen Sie – ganz aktuell – den Facebook-Skandal. „Das haben wir unterschätzt“, hören wir aus dem Silicon Valley. „Darüber haben wir nicht nachgedacht, wir haben nicht genug Verantwortung übernommen, wir haben Fehler gemacht.“ So und ähnlich lauten die schwachen Entschuldigungen des Industriekonzerns, der der Demokratie schwerste Schäden zugefügt hat. Seit Jahren rede ich über die Problematik, dass die Werbeplattformen der Internetkonzerne die Verbraucher in die Irre führen; dass sie vorgeben, Nachrichtenbringer zu sein, es aber nicht sind; dass sie Vertrauen zerstören, weil so viele Lügen, Übertreibungen, Auslassungen auf ihren Werbeplattformen zu lesen sind, dass sie die Bürger in ein Meinungschaos stürzen, bis die Bürger „falsche“ (Wahl-) Entscheidungen treffen; dass sie den Verlust der Wahrheit zu verantworten haben, weil im Chaos der Aussagen kein Unterschied mehr gemacht wird zwischen Meinung und Wirklichkeit. Könnte man die Effekte, wie sie jetzt auftreten, voraus erahnen? Ja, wenn man seinen Kopf einschaltet, etwas politische Kultur und geschichtliches Wissen einbringt und ein wenig mit Recht und Philosophie vertraut ist – also mit den Geisteswissenschaften, nicht nur den Naturwissenschaften. An Ersterem fehlt es übermotivierten jungen Technologen gänzlich. Die Vernunft ist ein Kind der Geisteswissenschaften, die an den höheren Bildungsinstituten oft nur noch abfällig behandelt werden. Zumindest werden sie finanziell massiv schlechter gefördert als die Naturwissenschaften oder die Empirie. Hier ist viel mehr Balance nötig.

„Die Vernunft ist ein Kind der Geisteswissenschaften, die an den höheren Bildungsinstituten oft nur noch abfällig behandelt werden.“

Sie gelten als Expertin künstlicher Intelligenz. Die Digitalisierung hat längst auch die Baubranche erreicht. Unlängst wurden 3D-Drucker entwickelt, die ganze Häuser drucken. Was glauben Sie, wie entwickelt sich diese Branche in der Zukunft?
Yvonne Hofstetter
:  Erst gestern habe ich auf einem Kongress vor österreichischen Architekten gesprochen. Dabei lernen wir gegenseitig voneinander. Ich habe verstanden, dass der Trend zum Low-Tech-Bauen geht und halte diesen Trend für extrem sinnvoll. Hat sich schon jemand überlegt, wie wartungsintensiv ein Smart Home ist? Wie ineffizient im Energieverbrauch, wenn ich für die Steuerung meines Hauses im Rechenzentrum eine Menge Datenspeicher und Prozessorleistung brauche, und das 24/7? Wie unpraktisch es ist, wenn ich alle Lichtbilder umprogrammieren muss, nur weil ich das Sofa in eine andere Ecke schiebe und dort auch lesen will? Nehmen wir auch auf die elektrosensiblen Menschen Rücksicht, wenn wir die Häuser mit funkender Sensorik vollstopfen? Low-Tech ist hier toll, denn jeder Sensor, jede Steuerung, die ich nicht verbaue, hat einen ewigen Lebenszyklus und null Amortisationskosten. Ansonsten sehe ich die Plattformökonomie auch in der Baubranche um sich greifen. Händler und lokale Handwerke werden aus der Wertschöpfungskette gedrängt. Denken Sie etwa an die Dachdecker. Bauherren können heute ihr Dach online direkt beim Hersteller bestellen, und verlegt werden die Dachziegel von Tageslöhnern, gerne aus anderen Ländern. Plattformökonomie ist ein Problem für alle Branchen – außer für die Plattformen selbst.

Im Dezember 2016 ist Ihr Buch erschienen „Das Ende der Demokratie.“ Worauf spielen Sie mit diesem Buchtitel an?
Yvonne Hofstetter: Auf die Veränderung des Menschenbilds in der Digitalisierung. Digitale Angebote degradieren den Menschen zur Sache. Der Mensch, sagen uns die Hersteller unserer digitalen Lieblingsmarken, ist „die ultimative Maschine“. Er ist ein „biologistischer Algorithmus“. Man will künstliche Intelligenz einsetzen, „um die Menschen umzuprogrammieren, damit sie sich besser benehmen.“ So lauten die Zitate aus dem Silicon Valley. Wir sind nur ein Datenhaufen, den man manipulieren kann – so wie Facebook mit Cambridge Analytica oder Palantir, einer anderen Manipulationsfirma. Das Problem mit der Demokratie ist aber, dass sie den freien, souveränen, vernünftigen Menschen voraussetzt, der selbst denken kann. Ändere ich dieses Menschenbild hin zur determinierten Bio-Maschine, kann ich die Demokratie ad acta legen. Wozu dann noch frei wählen? Eine determinierte Bio-Maschine mit vorherbestimmtem Handlungsablauf, dem Algorithmus, ist nicht frei und hat deshalb auch keine Wahl.

Bei allen Zweifeln: Ist Ihrer Meinung nach eine Balance zwischen technischer Weiterentwicklung und einer humanen Zukunft für uns alle möglich?
Yvonne Hofstetter:  Schon in der ersten industriellen Revolution gab es inhumane Auswüchse wie Kinderarbeit, die 80-Stunden-Woche, Niedriglöhne und schlimme hygienische Arbeitsverhältnisse. Das konnten wir im 20. Jahrhundert ändern. Heute stehen wir vor einer ähnlichen Herausforderung. Heute betrifft die Hygiene den Umgang miteinander – Stichwort: Eingrenzung der physischen Gewalt in der Gesellschaft, befördert durch Hate Speech im Internet – oder die Wahrung eines Rests an Privatsphäre in einer Umgebung der Totalüberwachung durch smarte Telefone, Autos, Häuser, Städte. Im 20. Jahrhundert war der Mensch in der Lage, die Zukunft zu humanisieren. Das kann ihm auch heute gelingen – hoffentlich ohne die schrecklichen gesellschaftlichen Begleiterscheinungen, die wir aus dem 20. Jahrhundert kennen.

In Ihrem ersten Buch „Sie wissen alles“, das 2014 erschienen ist, schreiben Sie davon, dass wir die Kontrolle über unsere Daten längst verloren haben und einer Gefahr, ausgehend von intelligenten Algorithmen. Wird der Mensch wirklich „gläsern“?
Yvonne Hofstetter: Sie können kein smartes Gerät nutzen, ohne dass Sie überwacht werden. Bei „smart“ ist die Überwachung direkt eingebaut, sie ist systemimmanent. Alle Daten, die „smart“ bei Ihnen abgreift, sind auf ewig für Sie verloren. Sie holen Sie nie mehr zurück. Nicht Ihre Bewegungsprofile, nicht Ihr Netzwerk, nicht Ihr Verhaltens- und Wohnprofil und nicht Ihr Psychogramm. Das ist eine der technologischen Kräfte der Digitalisierung: alles fließt – auch die Kopie Ihres Lebens. Sie fließt durchs Netz, kopiert sich hier und da und wird dort oder anderswo ergänzt und angebaut. Das stört uns wenig, solange wir in einer Demokratie leben. Aber wehe uns, wenn die Lage kippt. Dann können wir ganz schnell chinesische Verhältnisse haben: die Kopfnote, die uns als „guten“ oder „schlechten“ Bürger klassifiziert. Dann wäre die Wandlung des freien Menschen in eine Zahl, in den Neuen Menschen des 21. Jahrhunderts, vollendet – mit allen Konsequenzen für unsere persönliche Zukunft, über die dann andere bestimmen und nicht mehr wir selbst.